Startseite    Aktuelles    Veranstaltungen     Rückblicke    der Bürgerkreis    Kontakt    Impressum    Datenschutz   

"Schreibwerkstatt im Bürgerkreis"

Es entsteht momentan ein Fortsetzungsroman, der von der Schreibwerkstatt reihum erstellt wird. Die Anschlussstellen zwischen den Einzelbeiträgen der Schreibenden sind jeweils durch rote Pünktchen gekennzeichnet.
Der Roman wird auch im Offenen Bücherschrank am Grünen Markt ausgehängt.



...was bisher geschah:
Toni wachte mit einem unguten Gefühl auf. Er hatte heftig geträumt, und jetzt fiel ihm alles wieder ein:
Es hatte damit begonnen, dass er in diesem Bücherschrank am Behrpark endlich die Konsalik-Sammlung seiner Großmutter
losgeworden war. Es war das einzige, was sie ihm vererbt hatte. Auch nach ihrem Tode bekam er also die Schadenfreude zu spüren, mit der sie ihre Umwelt zu Lebzeiten immer traktiert hatte. Doch damit war jetzt Schluss: Er hatte die zerlesenen Bände, die immer noch diesen üblen Geruch an sich hatten, der das Haus seiner Großeltern seit er denken konnte durchzog , mit spitzen Fingern genommen, in einen Karton gepackt und im Bücherschrank vor dem Park deponiert. Wer danach greifen würde - nun, selbst schuld!
Als er sich umwandte und gehen wollte, passierte es:
Der Schrank wurde in gleisendes Licht getaucht. Erschrocken schaute sich Toni um, aber der Grüne Markt lag verlassen da. Dann wanderte sein Blick zur Laterne neben dem Bücherschrank, doch zu seinem Entsetzen musste Toni feststellen, dass die darin befindliche Birne dunkel war. Woher kam nur dieses Licht? Ein Schauer wanderte über Tonis Körper, als er an all die Horrorromane dachte, die er in seinem Leben gelesen und für die ihn seine Großmutter immer mit diesem abschätzigen Blick gemustert hatte. "Lies doch mal was ordentliches, Toni!" hatte sie gesagt und ihm eine ziemlich zerlesene Ausgabe von "Die Blut-Mafia" in die Hand gedrückt. Gelesen hatte Toni das Buch nie, dafür aber an jenem Abend noch Jack Finneys "Die Körperfresser kommen" unter der Bettdecke angefangen. Zitternd wanderten Tonis Augen nach oben über den Bücherschrank, von wo dieses Licht zu kommen schien.
"Da gehst weiter," murmelte er, als...

...
er unterdrücktes Kichern und Flüstern vernahm, das von überall h er zu kommen schien. Im ersten Moment krampfte sich vor lauter Schreck sein Magen schmerzhaft zusammen und sein Herz setzte ein, zwei Schläge aus, aber dann ertönte eine amüsierte, noch recht jugendliche Stimme: "Der Typ macht sich ja fast ins Hemd!", begleitet von weiteren fröhlichen Glucksern.
Sofort zerfiel die Vision des gigantischen Lichtkegels in die einzelnen Strahlen einfacher Handy-Taschenlampen und hinter dem Gebüsch am Eingang zum Park konnte er schemenhaft eine Gruppe Teenies ausmachen, die ihn im Schein der Displays spöttisch angrinsten. Toni seufzte erleichtert auf. Er hatte eindeutig zu viele Bücher gelesen und Serien und Filme gesehen, so dass ihm manchmal wirklich schräge Gedanken kamen, aber dass er sich so erschrecken ließ... Wahrscheinlich hätte er auch das ganze Gras, das er vorhin nach der Beerdigung seiner Oma geraucht hatte, besser weggelassen, zumindest vielleicht den dritten Joint. Trotzdem, verarschen ließ er sich nicht! Jetzt mehr wütend als ängstlich, steuerte er auf die Jugendlichen zu, um sie zur Rede zu stellen. Einer trat ihm entgegen und hob abwehrend die Hände, als er Tonis Gesichtsausdruck sah.
"Hey, Mann, sei nicht sauer, okay? Wir hatten heute unsere letzte AbiPrüfung und feiern ein wenig. Dann kamst du und wir dachten, das wäre irgendwie lustig."
"Hier!" sagte ein zweiter und hielt ihm gleichzeitig zwei Flaschen Bier als Entschuldigung hin, welche er beide reflexartig annahm. Das Bier war schon ziemlich warm und schmeckte schal, doch er trank trotzdem eine halbe Flasche auf ex, weil er sich das auf den Schock ve rdient hatte, und entspannte sich augenblicklich. Wenig später fand er sich mit den Fünfen auf einer Wiese im Behrpark liegend wieder und betrachtete die Sterne durch die Baumwipfel hindurch.
"Du, was hast du vorhin eigentlich gedacht" fragte eines der Mädchen plötzlich. "Dass voll Akte X-mäßig ein UFO angeflogen kommt?"
Toni bekam einen Lachkrampf, weil er nämlich tatsächlich genau DAS gedacht hatte. Allerdings...

...
beruhigte er sich sehr schnell wieder, als ihm bewusst wurde, dass er als Mid-Vierziger gerade mit einer Gruppe Jugendlicher Bier trank. Sollte er nicht der verantwortungsbewusste Erwachsene sein?
"Woher kennt Ihr Kids eigentlich Akte X?", fragte er verwundert. "Das war doch weit vor Eurer Zeit."
"Hast Du noch nie was von Netflix gehört, Mann?"
Natürlich hatte Toni das. Er war ja schließlich nicht von gestern. Aber trotzdem kam er sich in diesem Moment wahnsinnig alt vor.
"Hey, wusstet Ihr, dass es im Behrpark spukt?" fragte das Mädchen. Toni verschluckte sich an seinem Bier. Das war ihm allerdings neu. "Das glaube ich nicht," hustete er.
"Doch, ganz sicher. Die Schwester meiner besten Freundin kannte mal ein Mädchen, das..."

...an einem Abend am alten Salettl noch mit ein paar Freunden zusammensaß, als plötzlich alles um sie herum totenstill wurde. Nicht mal mehr ein Blatt raschelte." "Ach und lass mich raten," unterbrach Toni das Mädchen. "Danach erschienen überall Lichter und in der Ferne konnte man den Umriss einer Frau in weiß sehen."
"Nein, das was Du meinst, ist die weiße Frau vom Ebersberger Forst," sagte der Junge gegenüber von Toni. "Von der hat mir mein Vater erzählt. Der ist nämlich da draußen aufgewachsen und als junger Mann war er eines Abends unterwegs und da stand die weiße Frau an der Straße. Mein Vater wusste natürlich, dass er anhalten musste. Aber als er rechts ranfuhr, um sie einsteigen zu lassen, war sie einfach verschwunden. In Luft aufgelöst." "Das glaubst Du doch nicht wirklich," antwortete Toni.
"Doch, das glaube ich. Mein Vater ist kein abergläubiger Mann. Aber jetzt erzähl doch mal, wie es mit Deiner Geschichte weitergeht, Lisa." "Also,..." "Eigentlich will ich gar nicht hören, was der Schwägerin vom Freund vom Bruder der Arbeitskollegin oder wem auch immer passiert ist." pampte Toni wiederum dazwischen und stand auf. Er kippte das restliche Bier, das mittlerweile wirklich grottig schmeckte, in einen Strauch und klopfte sich mehr schlecht als recht diverse trockene Grashalme und Blätter von den Klamotten. "Stories aus dritter Hand sind doch Schwachsinn! Ich geh jetzt nach Hause." "Maaaaaaaaaa-haaaannnn, was is' denn mit dir auf einmal los?" maulte das Mädchen beleidigt. "War doch grad noch so lustig."
"Arbeit morgen." murmelte er lahm und verzog sich. Im Weggehen hörte er noch einen der Jungs lachend sagen "Und ich dachte tatsächlich kurz, der alte Typ wäre vielleicht doch cool. So Lisa, deine Geschichte!"
Danach wurden die Stimmen zu leise, was ihm nur recht war. Er hatte momentan einfach keinen Bock auf Spukgeschichten, nachdem er vorhin am offenen Sarg ständig das Gefühl gehabt hatte, seine schreckliche Oma würde ihn höhnisch anblinzeln, weil sie ihm nur diese bescheuerte Konsaliksammlung vererbt hatte. Das war rational gesehen natürlich totaler Quatsch, aber allein der Gedanke daran jagte ihm immer noch unangenehme Schauer über den Rücken.
Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte und stolperte prompt über den leeren Bücherkarton, den er am Schrank vor lauter vermeintlichem UFO hatte stehen lassen. Er schaffte es nicht, das Gleichgewicht zu halten und landete äußerst unelegant der Länge nach auf dem Asphalt und hinterließ noch dazu einige Hautfetzen auf dem rauhen Beton. Geschockt blieb er liegen und...während er noch die Augen geschlossen hatte und seine Hand auf das rechte Knie drückte, das grauenhaft schmerzte, tauchte wieder das Gesicht seiner Großmutter vor ihm auf. Verschwommen erst, dann in einem hellen Licht und um ihre Lippen spielte ein leichtes Lächeln. Dann öffnete sie plötzlich ihren leicht verkniffenen Mund und sagte mit einer seltsamen Betonung in der Stimme: "Du hast die Bücher nicht gelesen. Das hättest Du aber tun sollen, denn dann wüsstest Du jetzt, dass in einem eine Nachricht auf Seite 7..." Die Erscheinung riss plötzlich ab und ihre Stimme erlosch mitten im Satz, als ihn jemand unsanft schüttelte und leicht gegen seine Wangen schlug.
"He Sie, wachen Sie auf, wachen Sie auf. Sie liegen hier vor dem Bücherschrank auf dem Grünen Markt, haben wohl beim Pastello zuviel Rotwein getankt..."
Dieser Jemand zog an ihm und dann war er tatsächlich aufgewacht. Aber nicht auf dem Grünen Markt, sondern hier in seinem Bett. Verwirrt sann er eigenartigen, so realen Traum nach. Und als er zu der Stelle mit der Großmutter kam, in der Sie ihn milde darauf hinwies, dass er die Bücher hätte lesen sollen, weil auf Seite 7 eine Nachricht stünde, stürzte er wie von Furien gejagt aus dem Bett und rannte ans Fenster. Es wurde gerade hell, die ersten Vögel sangen und der Tag schien sonnig zu werden. Die Bücher, die Konsaliksammlung der Großmutter, schien ein Geheimnis zu bergen, etwas Wichtiges wie es ihm schien und der Traum war nicht irgendein Traum, er war eine Botschaft. Eine Botschaft seiner Großmutter die gerade mal ein paar Stunden unter der Erde war und die ihn vielleicht doch besser kannte, als er glaubte. Er rannte unter die Dusche, rasierte sich schnell und zog Jeans und T-Shirt an. Dann holte er sein Rennrad aus dem Schuppen und fuhr in flottem Tempo zum Haus seiner Großeltern. In Sichtnähe erstarrte er, denn vor dem Haus stand...

...
ein älterer Herr mit graumelierten Haaren und einem etwas zerknautschten Gesicht, den man unter normalen Umständen als gutsituiert bezeichnet hätte - doch dieser Herr trug eine Art Anzug, wie Toni ihn aus seiner Lieblingsserie kannte. Ja, dieser Herr war genauso gekleidet wie Cliff Alistair McLane, der Commander des Raumschiffes Orion aus der Kultserie "Raumpatrouille". Was ihn aber noch mehr sprachlos machte, war - dass dieser Herr in der Tat Heinz G. Konsalik war!!! Toni kannte sein Konterfei von den Fotos auf den Zeitungsausschnitten, die seine Oma in einem Album gesammelt hatte.
"Aber.. aber... das kann doch nicht sein... Herr Konsalik? Aber... Sie sind doch schon seit 21 Jahren tot?!" stammelte er.
"Grüß Sie, Toni, sagte Herr Konsalik. "Das stimmt auch so. Aber ich habe mich durch eine Zeitmaschine transmaterialisiert und bin in Ihrer Gegenwart gelandet."
"Zei...Zeitmaschine?", stammelte Toni ungläubig. "Ja wie... wo... soll denn die sein? Ich glaub Ihnen kein Wort!" entgegnete er mit aufkommendem Trotz. "Vereimern kann ich mich allein!"
"Doch, doch" erklärte Herr Konsalik mit sanftem Lächeln. "Kommen Sie mit!" Und er zog den etwas widerstrebenden Toni sanft aber energisch mit sich.
Bald standen sie am Grünen Markt vor dem Bücherschrank. "Sie steht genau vor Ihnen!".
"Sie meinen..."
Toni verschlug es erneut die Sprache, "der...der?..."
"Genau", antwortete Herr Konsalik lächelnd. "Dieser Bücherschrank ist nicht nur zentrale Anlaufstelle für die Berg am Laimer Leseratten, sondern auch ein Gefährt, mit dem man in der Zeit reisen kann! - Probieren Sie es selber aus, Toni!" fügte er hinzu, als er sah, dass der junge Mann ihm kein Wort glaubte.
"Warten Sie, er müsste Ihnen passen", sagte Herr Konsalik und schälte sich aus seinem Astroanzug. "Hier, ziehen Sie's an. Und hier: Diese Uhr ist keine Uhr, sondern der Regulator für die Maschine. Ich zeig's Ihnen: Hier können Sie tagesgenau die Zeit einstellen, in die Sie reisen möchten. Und hier den Ort. Jetzt steigen Sie in den Bücherschrank, schließen die Tür und los geht's!"
Verdutzt gehorchte Toni, zog den Anzug an, streifte den Regulator über das Handgelenk und stieg in den Schrank. Dann drehte er den Regulator entsprechend ein: "12.Februar 1888. Husum."
Und es ging los: Toni fand sich in einen fulminanten blauen Wirbel hineingezogen. Dann löste sich der Taumel, und er war offensichtlich dort angekommen, wo er hin wollte: In einem schönen Bürgerhaus saß ein älterer Mann mit weißem Haar und imposantem Rauschbart an einem kunstvoll gedrechselten Sekretär. Er setzte gerade seine Unterschrift unter ein Manuskript.
"So, das wär's", sagte er. "Mein Alterswerk: Eine Novelle, für die ich schon Jahre lang Vorstudien betrieben habe. Über einen sagenhaften Deichgrafen. Es soll mein Meisterwerk werden. Aber... wer sind Sie denn?"
Toni war überrascht und fasziniert zugleich. Er stand vor seinem Lieblingsschriftsteller, Theodor...